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Nouméa als früher Vorreiter für Nachhaltigkeit in Architektur und Tourismus oder Eine Hommage an Renzo Piano

Wenn aus einer kleinen Blog-Idee zu Kultur im Nachhaltigkeit Tourismus eine eher grössere Hommage an einen Architekten wird.

Erinnerungen

Heute habe ich mich mit der Intention an den Laptop gesetzt, einen Blog über Kultur im nachhaltigen Tourismus zu schreiben. Zuerst gingen mir die unterschiedlichsten Unterkünfte durch den Kopf. Meistens kleine, wunderbare Umbauten mit lokaler Baukultur und Details, die das lokale, kulturelle Erbe repräsentieren. Doch plötzlich war da Nouméa und Renzo Piano in meinen Gedanken. Alte Architektur-Erinnerungen bahnten sich einen Weg an die Oberfläche. Als einer meiner grossen Vorbilder hatte Piano in meiner Architektur-Laufbahn keine unwesentliche Rolle. Also tauchte ich noch etwas tiefer in diese Erinnerung ein und begann zu schreiben…

Renzo Piano, ein Name, der wirklich viele Saiten in mir zum Schwingen bringt. Nicht weil er einer der renommiertesten Architekten ist (ich mag das Wort ‚Stararchitekt‘ nicht, renommiert ist viel passender). Auch nicht, weil er Träger des Pritzker-Preises ist, der „Nobelpreis“ in der Architekten-Liga. Nein, in mir beginnt es zu klingen und zu schwingen, weil mein Geist sofort zahllose Bilder seiner grossartigen Projekte hervorholt. Auch in der Schweiz stehen Vertreter seiner Baukunst, u.a. die Fondation Beyeler in Riehen/Basel oder das Zentrum Paul Klee in Bern. 

Paul Klee Zentrum, Bern

Nach Genua zu Renzo Piano

Wir sind am gleichen Tag geboren, Piano und ich, er nur einige Jahre früher. Das erschien mir wie ein Zeichen. Ich sollte von ihm lernen. Damals hatte er ein Büro in Paris. Das wäre meinen Sprach-kenntnissen mehr entgegengekommen. Doch ich wollte zum Ursprung. Piano stammt aus Genua und hat dort seine Karriere begonnen. In der Nähe, in Punta Nave, war und ist sein Headquarter, der Renzo Piano Building Workshop. Da wollte ich hin. Also machte ich mich auf den Weg nach Ligurien, der malerischen, italienischen Küstenregion am Mittelmeer, Ort seines Wirkens.

Unerreichbares

Da stand ich nun vor seinem Büro. Doch weit gefehlt, wenn man sich hier ein Gebäude mit Klingel und einfachem Zugang vorstellt. Es war wie seine Architektur – aussergewöhnlich. Wie fast überall an diesem Küstenstreifen stand ich vor einem Steilhang. Alles, was sich auf meiner Ebene befand, war eine Sprechanlage, eine Kamera und ein metallenes Tor. Den Rest des Büros sah ich nicht einmal. Also klingelte ich, ohne Termin. Erst einmal im Gespräch, dachte ich, wird das schon mit einem Praktikum klappen. Ich entdeckte das Funicular am steilen Berghang, ein auf Schienen steil nach oben fahrender Glaskubus mit vier einfachen Regie-stühlen. Typisch auch für Segler. Ich wusste, auch diese Leidenschaft hatten wir gemeinsam. Wer in den elitären Kreis kommt, diese kleine Seilbahn zu benutzen, kann von der Strasse, bis zum Büro hinauf die atemberaubende Sicht aufs Meer geniessen. Doch leider blieb mir dieser Anblick versagt.

Weiter, als bis zu seiner Klingel, kam ich nie. Meine Motivation wurde ausgebremst, als wäre ich mit 100 km/h gegen eine Wand gedonnert. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterhin aus der Ferne und, gleich einem Musikfan, den Künstler zu bewundern und davon zu träumen, dieses Büro eines Tages vielleicht doch noch einmal besuchen zu dürfen. Das bin ich bis heute, sein Fan. Denn seine Art, sich respektvoll an Bauaufgaben heranzutasten, beeindruckt mich nach wie vor. Den Ort, wo Neues entstehen soll, erspüren, ertasten, erkunden, verstehen lernen. Am meisten berührt hat mich diese Form des Herantastens beim Kulturzentrum und Museum Tjibaou in Noméa, Neukaledonien.  

Detail Kulturzentrum Tjibaou, Nouméa

Das Museum Tjibaou in Noméa, Neukaledonien

Renzo Piano gewann 1990 den Wettbewerb und setzte seine Ideen 1993-98 in die Realität um. Er beschäftigte sich ausgiebig mit dem Standort, einer Halbinsel mit üppigem Bewuchs, ursprünglich bewohnt von den Kanak mit ihrer einzigartigen Kultur. Die Gebäudekomposition lehnt sich an die Bauten und die Struktur dieser Kultur an, zeigt sich gleichzeitig zeitgenössisch und souverän. Sie wurde in die Natur integriert und spielte mit ihr auf einzigartige Weise. Seine Architektur erfüllt den Zweck und tritt nicht monumental auf, wie andere Museen oder Kulturzentren. Sie spiegelt Pianos Arbeitsphilosophie. Erstaunlich für damals: Er bezieht Komponenten mit ein, die wir heute in den GSTC – Nachhaltigkeitskriterien wiederfinden. Seine Arbeit in Neukaledonien war schon damals ein Zusammenspiel aus nachhaltiger Architektur und nachhaltigem Tourismus. Eine Symbiose aus Natur, Kultur, Tradition, Modernität und Technologie, lokaler Architektur, natürlichen Materialien, Tourismus, Vergangenheit und Zukunft, lokaler Gemeinschaft, internationaler Politik und kolonialer Geschichte. Es hat damals, vor 25 Jahren schon etwas in mir berührt, das mich schliesslich zur Nachhaltigkeit (im Tourismus) geführt hat.

Verantwortungsbewusst zum Zentrum der Kanakenkultur

Piano in „Mein Architektur-Logbuch“ dazu: „Hinzu kam, dass ich kein Touristendorf bauen, sondern einem Symbol Gestalt verleihen sollte: dem Zentrum der Kanakenkultur. Die repräsentative Stätte schlechthin für Einheimische und Fremde und das lebendige Gedächtnis ihrer Überlieferung für künftige Generationen“. Interessant, wie negativ Piano Touristendorf konotiert, hat er doch genau das erschaffen. Nur auf äusserst sensible und respektvolle und verantwortungsbewusste Art. 

Heute finden im Tjibaou-Kulturzentrum zeitgenössische Kanakkultur-Ausstellungen, Zeremonien und Versammlungen statt, die sowohl für die lokale Bevölkerung, als auch für Touristen angeboten werden. Der Gründer Tjibaou legte Wert auf eine zukunftsweisende anstatt rückwärtsgewandte Sicht der Kanakkultur. Diesen Wunsch interpretierte Piano in seiner ganz individuellen Architektursprache. Er war mutig genug die „die Denkformen des europäischen Architekten abzulegen und in die Welt der pazifischen Zivilisation einzutauchen“.

Kanak-Junge

Der Genius loci

Eintauchen – genau das tut man, wenn man wirklich gute und respektvolle Architektur liefern möchte. Das ist es, wofür ich mich begeistern kann. Erst die Recherche vor Ort führt einen zum Kern einer Idee, die im Kopf-Kino beginnt, auf Skizzen und Plänen Gestalt annimmt und schliesslich dreidimensional zur Realität wird. Piano bezieht sich hier auf den „Genius loci“. Wörtlich übersetzt ist dies der „Geist des Standorts“, was soviel bedeutet wie das, was den Ort überhaupt ausmacht. „Eine falsch verstandene Universalität hätte mich dazu verleiten können, meine Vorstellungen von Geschichte und Fortschritt ausserhalb des Kontexts, in dem sie entstanden sind, anzuwenden. Das wäre ein grosser Fehler gewesen, denn die wahre Universalität der Architektur realisiert man nur in der Rückbindung an die Wurzeln, der Anerkennung des Vergangenen, dem Respekt vor dem „Genius loci“. Das gilt meiner Meinung nach nicht nur für Architektur“, bringt Piano es auf den Punkt.

Der/Die Architekt*in als Robinson Crusoe

Durch das Schreiben über Piano, Noumea und Architektur bin ich eingetaucht, in meine alten Träume, in meine Architektur-Zeit, meinen ersten Beruf. Piano beschreibt die Passion des Berufes Architekt*in, einem uralten Beruf, zu Beginn seines Architektur-Logbuchs und spricht mir damit aus der Seele: 

„Der Beruf des Architekten (es fehlt hier leider die weibliche Form…) ist eine abenteuerliche Tätigkeit: ein Grenzberuf in der Schwebe zwischen Kunst und Wissenschaft, auf dem Grat zwischen Erfindung und Gedächtnis, zwischen dem Mut zur Modernität und der Achtung der Tradition. Der Architekt lebt notgedrungen gefährlich […]. Entwerfen ist ein Abenteuer, in einem gewissen Sinne vergleichbar mit einer Reise. Man macht sich auf den Weg, um zu erkennen, um zu lernen. Man akzeptiert das Unvorhersehbare. Wer jedoch erschrickt und sofort Schutz in einem Hafen sucht – in der warmen und behaglichen Höhle des schon Gesehenen, des schon Getanen -, der unternimmt keine wirkliche Reise. Man fährt auch nicht nach Bombay, um dort in einem italienischen Restaurant zu essen. […] Wer jedoch Lust am Abenteuer besitzt, versteckt sich nicht, sondern drängt vorwärts. Jeder Entwurf ist ein Neuanfang, immer wieder befindet man sich auf unerforschtem Terrain. Der Architekt ist der moderne Robison Crusoe“. 

Sie gehören zusammen: Reisen und Architektur

Auch wenn ich mich vom Bauen irgendwann abgewandt und mehr dem Tourismus zugewandt habe, lebt die Liebe zur Architektur doch immer noch in mir weiter. Es gab für mich noch nie das Entweder-Oder, es gab und gibt immer beides, Architektur und Reisen. Sie gehören für mich zusammen. Ganz wie bei Robinson Crusoe.

Wer weiss, wie mein Weg verlaufen wäre, hätte ich in Genua Einlass erhalten. Ich bin jedoch sicher, die Architektur, die respektvoll und verantwortungsbewusst mit dem Genius loci, der Kultur, der Natur und der Community umgeht, ist heute wie damals das, was meine inneren Saiten zum Schwingen bringt.

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